Vom Volksempfänger zum Standard-Super (1933 - 1960)

                                                                   

VE301 A43U 5E61-D

 

 

Die Volksempfänger im Deutschen Reich


Das Thema Super

Nach der Machtübernahme der Nazis wurde das Reichs-Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda beauftragt die politischen Interessen über das Radio in jeden Haushalt zu tragen.

Im April 1933 führten Mitarbeiter des Heinrich-Hertz-Institutes in ganz Deutschland Feldstärkemessungen durch. Man stellte fest, dass es möglich war, überall mit einem einfachen Einkreis-Empfangsgerät mit Rückkopplung und einer Lang-Antenne mindestens einen der gleichgeschalteten Reichsender und auf Langwelle den Deutschlandsender tagsüber zu empfangen. Darauf hin beauftragte die Regierung die Funkindustrie einen solchen einfachen „Gemeinschaftsempfänger“ in kürzester Zeit zu entwickeln und von allen Firmen in gleicher Ausführung und großer Stückzahl zu fertigen.

Zur Funkausstellung im August 1933 stellte der Reichs-Propaganda-Minister Goebbels den Volksempfänger VE301 vor. Der diktierte Preis von 76 RM betrug die Hälfte des bisher billigsten Gerätes.

Der Name 301 weist auf die Machtübernahme der Nazis am 30.1.1933 hin. Mit diesem einfachen Gerätekonzept war auch beabsichtigt den Fernempfang, d.h. der Empfang ausländischer Sender stark einzuschränken. Ab dem Kriegsbeginn durften die empfindlicheren Superhet-Geräte nur noch für den Export produziert werden. Das in Deutschland auf ein veraltetes Gerätekonzept gesetzt wurde hatte also rein politische Gründe.

Im Ausland ging davon unabhängig die Entwicklung weiter hin zu einfachen Superhet-Geräten.

 

Die Volksempfänger:

1933 VE301W REN904, RES169, RGN354 76 RM
1935 VE301GW VC1, VL1, VY1 87 RM
1936 VE301W VC1, VL1, VY1 59 RM
1937/38 VE301Wn

VE301dyn

AF7, RES164, RGN354/RGN1064 65 RM
1938 DKE38 VCL11, VY2 35 RM

 

 

 

 

 


Im Februar-Heft der Zeitschrift "Funkschau" 1941 stellte der renommierte Fachautor Herr H.J. Wilhelmy „Interessante Auslands-Kleinsuper“ vor, insbesondere ein richtungsweisendes Gerät der amerikanischen Firma Zenit. Diese Geräte-Konzeption verband auf Basis des Superhet-Prinzips die Vorteile der hohen Leistungsfähigkeit (Empfindlichkeit/Reichweite und Ausgangs-Leistung) mit dem kleinen gedrungenen Aufbau, was auch kostendämpfend wirkt.

Im gleichen Jahrgang im Mai-Heft stellte Herr Wilhelmy die Fortschreibung dieser Gerätekonzeption im europäischen Ausland, im noch von den deutschen Truppen unbesetzten Frankreich vor ("Auf dem Weg zum ausgereiften Zwergsuper"). Die Firma Radiola, Paris stellte in Lizenz das von Philips Holland entwickelte Gerät A43U als Typ RA133U her. Es war ein ausgereifter europäischer Zwergsupers nach einem neuen, rationellen Konstruktionskonzept.

Zum Einsatz kamen Röhren der von Philips/Miniwatt zwischen 1938 und 1940 entwickelten „Roten Serie“.

Die Verwendung dieser modernen Röhren war im Deutschen Reich zugunsten der deutschen Telefunken-„Stahlröhren“ verboten. Die Stahlröhren waren auch für den militärischen Einsatz vorgesehen.    

 

Auf Basis des fortschrittlichen Konstruktionskonzept des A43U konnte man Radiogeräte bauen, die über die Ländergrenzen hinweg Radiostationen empfangen konnten, handlich waren und im Preis nur sehr wenig über den der Volksempfänger in Deutschland lagen. Ersteres war in Deutschland unerwünscht und damit der Verkauf dieser Gräte in Deutschland verboten. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs wurden diese Geräte für die Wehrmacht hergestellt.

Der Philips A43U bildete auch die Grundkonstruktion für die Philetta-Modelle in allen Philips-Werken Europas. Die Erfolgsstory der Philetta begann damit im Jahre 1940 mit dem Philips Super-Junior A43U in Frankreich. Die Miniaturisierung von Drehkondensator, Filtern und Lautsprecher ermöglichten es, ein relativ kleines Radio mit allen Wellenbereichen MW, LW und KW zu bauen. Trennschärfe und Empfindlichkeit waren für die Größe relativ gut. Der Preis von 1395.-Franc, bzw. 69,75 RM war sensationell. Damit war ein wichtiger Schritt in Richtung der Philetta gelungen. Das Radio war ausschließlich für Allstrombetrieb bei 110-130V ausgelegt. Bei Anschluss an ein 220V-Lichtnetz musste eine Vorschaltlampe benutzt werden. Diese konnte man gleich zum Lesen benutzen.

 

 

Vergleich der Empfindlichkeit und Trennschärfe:

1933 - 1960 Volksempfänger (Einkreiser)

Standard-Superhet

z.B. Philips A43U

Empfindlichkeit in Mikro-Volt 1500 - 500 50 - 15
Trennschärfe bei 9 kHz Senderabstand 7 - 3 1

 

Es ist zu erkennen, dass die Empfindlichkeit eines Superhets um mindestens das 10-fache größer und die Trennschärfe mindestens um das 3-fache besser ist als beim Volksempfänger.

 

Die ursprüngliche Schaltungskonzeption des A43U mit einer Verbundröhre für HF-Verstärkung und Mischung, einer Verbundröhre für ZF-Verstärkung und NF-Vorverstärkung (später für ZF-Verstärkung und Demodulation) und einer Verbundröhre für Demodulation und NF-Endverstärkung (später für NF-Vorverstärkung und NF-Endverstärkung) mit (5)/6 AM-Kreisen war richtungsweisend auch für andere Firmen bis in die 60-iger Jahre.  Dieses Konzept kam als Standard-Super nahezu schaltungsgleich auf dem Markt. Unterschiede gab es nur bei ausgesprochenen Wechselspannungsgeräten durch den Einsatz der E-Röhren anstelle der U-Röhren gleicher Funktion, der Gleichrichter-Röhre und evtl. der Ergänzung durch ein „Magisches Auge“.  

 

Initiiert wurde das Standard-Super-Programm nach dem 2.Weltkrieg 1947 von einem Konsortium der Rundfunkindustrie in der britischen Besatzungszone. Unter britischer Regie sollte ein 3 + 1 (Gleichrichter-Röhre) -Röhren Sechskreiser für die breite Bevölkerung bei sparsamer und rationeller Materialverwendung für 250 RM angeboten werden. Die Philips-Valvo-Werke Hamburg stellten 1947/48 die Röhren 2 x ECH4, EBL1 und AZ1 für dieses Projekt her.